Imre Sinka.
Ungeschminkt.
Dreissig Jahre Online-Marketing. Offizieller Status: Hybrid-Rentner. Keine Mandate, keine Akquise. Das hier ist kein Pitch – fast. Wenn ein Projekt passt, maximal vier Wochen dauert und mich wirklich reizt? Dann doch.
Das hier bin ich. Eine kurze Geschichte, ein paar Überzeugungen, und dann ist Schluss.
Sinka Interactive. Mitleid und Desinteresse.
1995 habe ich die Sinka Interactive gegründet – eine der ersten Webagenturen der Schweiz. Die Reaktionen? Mitleidiges Lächeln. Höfliches Desinteresse. Manchmal beides. Das Internet war Neuland, Websites galten als Unding, und E-Mail liess man sich vom Neffen erklären.
Ich bin aus einer anderen Welt zum Online Marketing gekommen: Zunächst war ich im Konsumgüter-Marketing bei Unilever tätig, dann habe ich in den Werbeagenturen Ogilvy, Lintas und Publicis gearbeitet. Ich hätte bis zur Rente Werbung für Konsumgüter machen können. Gutes Geld, sichere Sache. Stattdessen setzte ich auf ein Medium, das die meisten für eine Modeerscheinung hielten. Rückblickend war es die richtige Entscheidung.
Im Jahr 2000 gehörte die Sinka Interactive zu den Ersten, die in der Schweiz SEO angeboten haben. Google war damals gerade zwei Jahre alt. Als wir über „Ranking“ sprachen, dachte unser Gesprächspartner an Tennis.
dotpulse und danach.
2002 wurde aus Sinka Interactive die dotpulse webagentur, bei der ich Geschäftsführer und Mitinhaber war. Wir betreuten während 17 Jahren die Webauftritte und Online-Marketing für Unternehmen aller Grössen, lokal und international.
2019 folgte die Fusion mit BlueGlass Interactive.
Draussen, aber nicht weg.
Nach der Fusion mit BlueGlass gehörte ich bis 2022 dem Verwaltungsrat von BlueGlass Interactive an und war im Bereich Business Development tätig.
Ein sanfter Übergang – oder direkter: Ich durfte kluge Ratschläge geben, ohne sie selbst umsetzen zu müssen.
Heute macht es mir immer wieder Spass, zu berichten, wie es war, als Websites noch Ladebalken hatten und Modems die Telefonleitung blockierten. Die Blicke der Zuhörer sind oft fragend und erstaunt zugleich. Manchmal wirken sie auch mitleidig.
Dreissig Jahre, ein paar Erkenntnisse.
Drei Jahrzehnte in einer Branche, die sich gerne hypt und wandelt. Das hinterlässt Spuren. Graue Haare.
Und ein paar Überzeugungen, die bleiben. Es sind keine Regeln, sondern meine ganz persönlichen Erkenntnisse.
Zwei wissen mehr als einer
- Die besten Ergebnisse entstehen, wenn Kunde und Agentur auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht. Der Kunde kennt sein Geschäft, die Agentur ihres. Wenn beide voneinander lernen, entstehen tragfähige Ideen. Wenn einer glaubt, alles besser zu wissen, ist die Zusammenarbeit schnell vorbei.
- Wenn die Agentur die Produkte des Kunden nicht kennt und den Markt nicht beobachtet, kann sie weder agieren noch führen. Agenturen, die nicht mitdenken, fliegen. Früher oder später.
Wissen gehört weitergegeben
- Die besten Online-Marketing-Teams entstehen nicht durch Kontrolle, sondern durch Vertrauen. Mitarbeiter, die Freiräume erhalten, gewinnen neue Erfahrungen und finden Alternativen.
- Wer Wissen hortet, schützt seinen Stuhl. Wer es teilt, stärkt das Team. Das klingt selbstlos. Ist aber weiser.
- Das Festhalten an Altbekanntem ist der Feind des Online Marketings. Das Kanäle sterben. Neue Ansprüche kommen auf. Algorithmen ändern sich. Wer das nicht akzeptiert und an Altem festhält, verliert – unabhängig von seiner Erfahrung.
- Mitarbeiter zu befähigen heisst auch: ihnen den Mut geben, Bestehendes zu hinterfragen. Ohne Angst vor dem Widerspruch.
- Wer eine Aufgabe ausschliesslich mit seiner fachlichen Kompetenz angeht, löst das Problem – aber vielleicht das falsche. Die optimale Lösung entsteht, wenn unterschiedliche Fachrichtungen zusammenkommen. Gleichzeitig. Silodenken bietet keinen Schutz, sondern birgt Risiken.
Big Ideas, null ROI
- Konsumenten sind online auf der Suche nach Lösungen. Nicht nach Werbung. Agenturen, die das nicht verinnerlicht haben und stattdessen kreative Ideen inszenieren, verbrennen das Budget ihrer Auftraggeber. Big Ideas, die nicht auf die Bedürfnisse der Konsumenten eingehen, mögen in den Credentials glänzen. Für den Auftraggeber sind sie jedoch nicht gewinnbringend.
- Es ist die Aufgabe der Online Marketing-Agentur, dem Konsumenten sofort zu vermitteln, warum genau dieses Angebot sein Bedürfnis erfüllt. Und nicht das des Mitbewerbers.
- Bevor ein Unternehmen einem Trend folgt, muss der effektive Mehrwert transparent sein.
ROI ist kein Schimpfwort
- Daten sind zwar nützlich, können das eigene Urteilsvermögen jedoch nicht ersetzen. Sie beantworten Fragen – sofern die richtigen gestellt werden. Andernfalls schweigen sie.
- Zu jeder Handlungsempfehlung gehört eine Rentabilitätsberechnung. Mit Kennzahlen. Mit ROI. Das klingt nach einem Kreativitäts-Killer? Ist es nicht. Vielmehr ist es ein Gradmesser für die Wirtschaftlichkeit von Agenturempfehlungen.
- Die wichtigste Frage lautet: Was darf ein neuer Kunde höchstens kosten, damit sich die Investition lohnt? Oder eine Anfrage bzw. ein Kontakt? Ohne eine Antwort auf diese Fragen bleibt der ROI einer Initiative Wunschdenken.
- Erst breit testen, um gezielt zu investieren. So landet das Budget in Kanälen, die nachweislich funktionieren, statt in solche, die nach Bauchgefühl ausgewählt wurden.
- Wer dem Kunden eine grosse Idee verkauft, die er nicht umsetzen kann, löst kein Problem. Er schafft eines.
Was bleibt nach dreissig Jahren?
Technologien kommen und gehen. Die drei Grundfragen des Online Marketings nicht:
- Macht es Sinn?
- Bewegt es Mensch und Marke?
- Zahlt es sich aus?
Wer diese drei Fragen nicht beantworten kann, ist in guter Gesellschaft<Eine Idee, die grösser ist als das Budget, die Ressourcen und die Skills des Kunden, ist keine Lösung. Sie ist ein Luftschloss
Und nein.
